Berlin, den 21.05.99
Kommentar zum Aufsatz von Hans-Christian Wendt in
Sleipnir
,
Heft 2 (1999), S. 35 – 39
Herr Wendt lamentiert öffentlich die Tatsache, daß Politiker in der Regel keine aufrichtigen Menschen seien, daß sie sich nur als Opportunisten verhalten können, die man nicht beim Wort nehmen darf.
Aber diese Erscheinung ist ja universell und grenzübergreifend. Sie trifft somit auf deutsche Politiker zu. Denn überall auf der Welt – und zwar abgesehen vom jeweiligen politischen System oder von der ethnischen Identität des Einzelnen – treten Politiker stets als Opportunisten auf. Ein besseres Verhalten ist von Politikern nicht zu erwarten, mindestens nicht in absehbarer Zeit. Es ist auch keine Beleidigung oder Beschimpfung, einen Politiker als "Opportunisten" zu bezeichnen, obwohl manche es so empfinden werden, es sei denn, daß man von Politikern verlangt, daß sie zu Heiligen werden.
Der Himmel ist (am hellen Tag) blau, und Politiker sind (in der Regel) Opportunisten, weil sie dazu berufen werden oder weil es halt zum Beruf gehört.
Wäre Herr Wendt klaglos gestellt, wenn deutsche Politiker anfangen würden, die Eigenschaftsworte "deutsch" und "national" häufiger in ihre Beteuerungen einzubeziehen als bisher – unter Fortsetzung ihres bisherigen Kurses? Ich habe so den Eindruck.
Auf eine wesentliche Sache hat Herr Wendt richtig hingewiesen: Die Vergangenheit aus dem Dritten Reich ist nicht bewältigt, sonst hätte man dieses Kapitel schon längst zu den Akten gelegt. Anstatt dessen beschäftigen sich viel zu viele mit der Problematik in üppigem Ausmaß. Die von der Erziehungsobrigkeit eingesetzten Zwangsmittel greifen nicht durch. Im Gegenteil. Sie beladen die Gefangenen der Pädagogik mit Schuld und entziehen ihnen das Bißchen Vernunft, das noch übrigbleibt und das sie noch aufzubringen imstande sind.
Diese Form von Vergangenheitsbewältigung, welche die Mahner durchsetzen wollen, kann m.E. auch keinen großen Erfolg haben. Denn es ist ein Ding der Unmöglichkeit, sich mit jemandem zu versöhnen, der nicht mehr da ist. Wie soll ein solcher Versuch Erfolg versprechen? Entweder ist der Gesprächspartner tot oder er ist ins Ausland verzogen. Höchstens im Gebet, im Internet oder über das Telefon kann man eine solche Versöhnung simulierend anstreben. Mit den Folgen dieser unvollendeten Vergangenheitsbewältigung muß man halt leben.
Solange ein Mensch auf dieser Erde lebt, soll er sich mehr dem Leben als dem Tod widmen. Daher fällt es mir schwer, die übermäßige Beschäftigung des Herrn Wendt mit den Juden richtig nachzuvollziehen.
Etwas anderes wäre der Fall, wenn Herr Wendt selbst ein Politiker wäre, der in der Stadt New York leben würde. Dort muß er – wenn er ein "guter" Politiker ist – um die jüdische Wählerstimme buhlen. Tut er das nicht, so wird er u.U. die Wahl verlieren. Um die Gunst der jüdischen Wählerschaft in New York zu gewinnen, muß man natürlich das sagen, was diese Wählerschaft hören will wie z.B. die Verteidigung Israels, die Förderung der Meinungsfreiheit, die Trennung von Staat und Kirche und die Integrität der Polizei. Oder er findet das alles abscheulich und sucht seine Wählergunst bei anderen Bevölkerungsgruppen. Vielleicht gewinnt er dennoch die Wahl.
Aber Herr Wendt kommt kaum in Berührung mit Juden und befaßt sich somit mit Gestalten, die nur in seiner Fantasie lebhaft sind.
Dagegen hat die Schuldfrage wenig mit den Juden zu tun. Die Juden spielen nur die Rolle der Variabel, während die Formel den Umgang mit der Schuld darstellt. Das Thema ist: Wie trage ich Gewissenskonflikte aus. Die Variation lautet: Die Juden im Dritten Reich. Gerade in Fragen, die das Dritte Reich betreffen, neigt man dazu, "Schuldzuweisungsorgien" zu veranstalten. Weder erkenntnistheoretisch noch ethisch noch pädagogisch hilft das keinem einzigen Menschen weiter. In Amerika sagt man dazu: Weine nicht über ausgegoßene Milch. Und in dieser Diskussion dreht es sich ausschließlich um ausgegoßene Milch. Es gibt einen anderen Spruch, der zu dieser Thematik paßt: Prügle kein totes Pferd. Auch das scheint nir der Fall zu sein.
Es ist ergiebiger, sich Gedanken mehr über Lösungswege als über Schuldige zu machen.
Die Lehre der Erbsünde – worum es sich bei dieser Diskussion handelt – rechnet man eher dem Christentum als das Judentum zu. Insofern weckt diese Debatte den Eindruck, daß es sich um einen Runden Tisch handelt, dessen Mitglieder nur Christen sein dürfen, die allerdings über Nicht-Christen reden. Wie wollen sie die an der Debatte Nicht-Beteiligten für die Ergebnisse verantwortlich machen, an denen sie nicht mitgewirkt haben?
Luis Fernández Vidaud